Tätowieren: Handwerk oder Kunst?

Es gibt Tätowierer, die sehen sich auf einer Stufe mit Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer oder Vincent van Gogh. Sie betrachten das Tätowieren und den (mehr oder minder) kreativen Prozess im Vorfeld als Schöpfungsakt, vollzogen im Elfenbeinturm unter stürmischen Küssen der Muse … Andere Tätowierer sind da pragmatischer. Für sie ist das Tätowieren in erster Linie eine Dienstleistung. Handwerkliche Qualität wird garantiert und geliefert, aber man sieht sich gewissermaßen als Fotokopierer mit dem Bedruckstoff „menschliche Haut“. Dass irgendwann Tätowiermaschinen Fotos in HD unter die Haut bringen werden, steht auf einem anderen Blatt und soll jetzt nicht Thema sein. Ich gehe davon, dass ich dann sicher längst im Rollator Runden im Pflegeheim drehen werde (à la Stephen Kings/Stanley Kubricks“Shining“ – nur halt nicht auf dem Dreirad). Die Parallele zu Franz Kafkas „Strafkolonie“ wurde schon des öfteren bemerkt.

Verheerend für die Tätowierkunst mag die unheilvolle Allianz aus Photoshop und Google sein. Digitale Inspiration mag ja okay sein, dass aber oftmals die Tattoomotive aus den erstbesten Suchergebnissen passend zum Motivwunsch des Kunden in Adobes Software „verwurstet“ werden, ist weder dem eigenen Anspruch –  den der Tätowierer an sich selbst haben sollte – noch dem Respekt dem Kunden gegenüber angemessen. Es ist in Ordnung, dass nicht jeder Tätowierer oder jede Tätowiererin kreativ arrangierte Bildkompositionen aus dem Hut (oder vielmehr dem Gehirn) schüttelt. Die Unendlichkeit an Inspiration und „Rohstoff“, den das Internet bietet, soll natürlich genutzt werden dürfen. Aber bitte nicht im Sinne eines gedankenlosen „Copy and Paste“.

Vielleicht hilft es weiter, sich bewusst zu machen, dass gerade Albrecht Dürer sich zum Beispiel nie als genialischen Typen von einem anderen Planeten gesehen hat. Nein, der Erschaffer der „Apokalyptischen Reiter“ nahm sich als Handwerker und Dienstleister wahr – das allerdings mit einem gehörigen Maß an Selbstbewusstsein. Er war auch kein der Inspiration hilflos ergebener und ausgelieferter Künstler, sondern vor allem ein betriebswirtschaftlich glasklar denkender Unternehmer.

Vielleicht können ja die Maler der Renaissance noch 500 Jahre nach ihrem Tod das perfekte Vorbild für den Tätowierer sein – in ihrer Synthese von Qualitätsanspruch, kontrolliertem Ausleben der eigenen Phantasie und Respekt gegenüber der Erwartungshaltung des Auftraggebers. Dann stellt sich die Frage „Handwerk oder Kunst“ auch gar nicht mehr so dringend.

Dürer Vier apokalyptische Reiter

Eines der größten Kunstwerke der Geschichte – und gleichzeitig Symbol eines perfekten Businesskonzepts: Dürers vier apokalyptische Reiter

28.04.2018

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Tätowieren: Handwerk oder Kunst?
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Immer wieder flammt die Diskussion auf, ob Tätowieren nun Handwerk oder Kunst sei. Eigentlich eine unnötige Debatte ...
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